Minimalismus: Weniger Besitz, mehr Freiheit
Ein minimalistischer Lifestyle kann helfen, wieder ein Gefühl von Kontrolle zu bekommen und eine neue Ruhe zu finden. Erfahren Sie, was «Simple living» bedeutet und was es bringt – mental, ökologisch und finanziell.
Noch nie besassen wir so viele Dinge, und dies bereits ab dem Babyalter. Vor hundert Jahren hatte ein Kind oft nur ein oder zwei Spielsachen, manchmal gar keine. Heute sind Kinderzimmer vollgestopft mit Spielzeugen, Geräten und Gegenständen. Und in den anderen Wohnräumen sieht es meistens ebenso aus. Auch die Dinge selbst werden immer kleinteiliger. 1967 bestand ein Auto aus rund 7’000 Teilen, heute sind es zehnmal so viele (Quelle: SRF). Zugleich war es noch nie so leicht, an Neues zu kommen. Pausenlos locken Angebote, Optionen und Reize. Ein Klick genügt und unser Alltag füllt sich weiter – in der analogen und digitalen Welt.
Unser Gehirn hingegen ist noch immer mehr oder weniger dasselbe wie vor Millionen von Jahren. Kein Wunder, dass sich viele Menschen von all dem Material und den Informationen, die es täglich zu bewältigen gilt, überfordert fühlen. Nicht nur wachsende Müllberge, sondern auch eine Zunahme von Erschöpfung und Burn-outs sind die Folgen unseres modernen Lebens.
Entsprechend wächst der Überdruss am Überfluss und mit ihm der Trend zum Minimalismus, einem Lebensstil, der auf bewusste Vereinfachung setzt. Eine der bekanntesten Vertreterinnen ist die Japanerin Marie Kondō. In ihren sehr erfolgreichen Büchern sowie auf verschiedenen Social-Media-Kanälen vermittelt sie seit Jahren die Kunst des Aufräumens und stösst damit weltweit auf grossen Anklang. Im Englischen hat sich dafür sogar ein neues Verb etabliert: to kondo für das «Ausmisten» nach Kondō-Art. Für den minimalistischen Lebensstil steht auch die Tiny-House-Bewegung. Diese wirbt dafür, auf allen unnötigen Besitz radikal zu verzichten und sich auf kleinstem Wohnraum maximal funktional einzurichten.
Ganz neu ist der Trend zum Minimalismus allerdings nicht: Schon in der Antike wurde die radikale Einfachheit gelobt, etwa vom griechischen Denker Diogenes, der in einem Weinfass lebte, um sich ganz dem Wesentlichen widmen zu können. Auch in vielen Religionen wird Einfachheit als erstrebenswertes Ziel oder gar als der Weg zur inneren Erfüllung angesehen. Ob Laotse, Buddha, Jesus, Mohammed, Hildegard von Bingen oder Mutter Teresa: Viele Begründer*innen und Vertreter*innen bedeutender religiöser oder philosophischer Bewegungen propagierten ein Leben in Bescheidenheit.
«Nicht der Mensch ist glücklich, der am meisten besitzt, sondern der, welcher am wenigsten braucht. Wer mit nichts zufrieden ist, der besitzt alles.»
Diogenes von Sinope (413–423 v. u. Z.)
Bei Noé (32) gab es diesen einen Moment, der alles verändert hat: «Vor drei Jahren bin ich aus Frankreich in die Schweiz gezogen. Dabei wurde mir bewusst, was sich in meinem Leben alles angesammelt hatte, nicht nur physisch, sondern auch digital. Es war unglaublich zeitintensiv, das alles zu managen. Nun stehe ich kurz vor dem nächsten Umzug, diesmal in eine kleinere Wohnung. Ich habe radikal reduziert und brauche dadurch viel weniger Platz. Das bringt mir viel Freiheit – auch im Geist! Und mehr freie Zeit. Denn weniger Besitz bedeutet auch weniger Ausgaben und folglich mehr Zeit für das Leben selbst.»
Noé bringt mit seinen Worten auf den Punkt, was Minimalismus bedeutet:
- Weniger Dinge, mehr Klarheit.
- Weniger Aufwand, mehr Zeit.
- Weniger Kosten, mehr Freiheit.
- Weniger Ballast, mehr Leben.
Noch einfacher gesagt: Weniger haben, mehr sein. Minimalismus ist also nicht nur ein Designtrend mit klaren Formen in hellen Tönen vor leeren Wänden, obwohl eine minimalistische Wohneinrichtung durchaus ein Teil davon sein kann. Gemeint ist vielmehr ein bewusst einfaches Leben (englisch: «Simple living») respektive eine freiwillige Einfachheit (englisch: «Voluntary simplicity» oder «Lifestyle of voluntary simplicity», kurz LOVOS).
Minimalistinnen und Minimalisten wie Noé verzichten in verschiedenen Lebensbereichen auf alles überflüssige Hab und Gut. Indem sie ihr Leben materiell und digital erleichtern, befreien sie sich auch von mentalen und finanziellen Lasten. Weniger Dinge anzuschaffen bedeutet zudem, die Umwelt von deren Produktion, Pflege und Entsorgung zu entlasten.
Ein minimalistischer Lebensstil schafft äussere Übersicht und innere Ruhe. Laut Minimalismus werden Sie sich umso leichter fühlen, je weniger Sie besitzen. Statt ständig gestresst zu sein, weil einem alles zu entgleiten droht, entwickelt sich aus der Einfachheit ein Gefühl von Freiheit. Wie angedeutet, wirkt sich Minimalismus auch positiv auf die Finanzen und die Umwelt aus. Das bringt «Simple living» – mental, ökologisch und finanziell:
- Auswirkungen auf die mentale Gesundheit: Weniger Besitz bedeutet weniger Aufwand für das Anschaffen, Verwalten, Aufräumen und Entsorgen all der tausend Dinge. Wer bewusst konsumiert und digital Ordnung hält, gewinnt Überblick, innere Ruhe und Zeit für echte Erlebnisse. Eine klare, ruhige Umgebung schafft mehr Raum zum Leben. Menschen und Beziehungen rücken in den Vordergrund. Die gewonnene Zeit lässt sich nutzen, um kreativ oder kunsthandwerklich tätig zu sein, Freundschaften zu pflegen oder sich ehrenamtlich zu engagieren.
- Auswirkungen auf die Umwelt: Weniger zu konsumieren reduziert automatisch den Verbrauch von Ressourcen, verringert Abfall und senkt den ökologischen Fussabdruck. Ein anschauliches Beispiel: Statt jedes Jahr mehrere günstige Schuhe zu kaufen, die schnell verschleissen, lohnt es sich, in ein hochwertiges Paar zu investieren, das viele Jahre hält. Dadurch werden Material, Energie und Transportaufwand eingespart und die Umwelt nachhaltig geschont. Das Beispiel zeigt zudem, dass weniger respektive bewusster zu konsumieren langfristig auch budgetschonender ist und Zeit einspart.
- Auswirkungen auf die Finanzen: Weniger Einkäufe und geringere Fixkosten schaffen mehr Freiraum im Budget. Dieser wiederum bringt die Möglichkeit mit sich, die Arbeitszeit zu reduzieren. Reduzierter Besitz erleichtert zudem die Budgetplanung. Da mehr Ordnung im Alltag und ein überschaubarer Hausrat nicht zuletzt auch das Risiko von Schäden oder Verlusten reduziert, bedeutet Minimalismus auch tiefere Versicherungswerte. Apropos Versicherungen: Es lohnt sich, Doppelungen zu prüfen und gegebenenfalls aufzulösen, um unnötige Kosten zu vermeiden. Mehr Tipps dazu im nächsten Beitrag.
«Simple living» bedeutet also, das Leben quantitativ zu vereinfachen, um es qualitativ zu verbessern. Doch wie gelangen wir dorthin? Wo beginnen und wie vorgehen, ohne unterwegs komplett die Orientierung zu verlieren? Anleitungen und Tipps für ein minimalistisches Leben erhalten Sie in unserem nächsten Beitrag. Abschliessend widmen wir uns der Frage, wie Minimalismus funktionieren kann, wenn ein Baby unterwegs ist oder Kinder bereits zum Alltag gehören – und was weniger Besitz im familiären Zusammenleben bedeutet.
- Karen Kingston, 2003: Feng Shui gegen das Gerümpel des Alltags.
- Tom Hodgkinson, 2007: Die Kunst, frei zu sein: Handbuch für ein schönes Leben.
- Marie Kondo, 2013: Magic Cleaning: Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert.
- Christof Herrmann, 2020: Das Minimalismus-Projekt.
- Adina Markowz, 2025: Erfüllter leben mit Minimalismus.
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