Weniger Dinge, mehr Nähe: Minimalismus mit Kindern
Es ist eine grosse Herausforderung, als Single oder Paar minimalistisch zu leben. Mit kleinen und grösseren Kindern scheint ein solcher Lifestyle jedoch geradezu unmöglich. Allein die Aussicht auf ein Baby setzt werdende Eltern oftmals unter enormen Konsumdruck: Die Listen der sogenannten Erst- oder Erstlingsausstattung scheinen unendlich. Hinzu kommt die Flut an Geschenken, die oftmals schon vor der Geburt des Babys anrollt.
Wer sich als junge Familie materiell auf das Wesentliche beschränken will, steht vor der zentralen minimalistischen Frage: Welche Dinge braucht ein Baby, um sich gesund und zufrieden zu entwickeln – abgesehen von Zuwendung, Sicherheit und Liebe? Zweifellos gibt es gewisse Dinge, ohne die es nicht geht:
- ein sicherer Schlafplatz (Beistellbett oder Rausfallschutz für Familienbett)
- altersgerechte Kleidung in ausreichender, aber überschaubarer Menge
- Windeln und Pflegeprodukte
- eine Möglichkeit zur Ernährung (Stillzubehör oder Fläschchen)
- eine sichere Transportmöglichkeit (Kinderwagen oder Tragehilfe)
Für viele Eltern ist auch ein grosses Stillkissen ein Must- oder Nice-to-have, denn es ist vielseitig einsetzbar: Während der Schwangerschaft kann es zur Entlastung von Rücken, Bauch und Beinen dienen. Ist das Baby da, unterstützt es beim Stillen oder Füttern und sorgt für eine entspannte Haltung. Und später können Sie es als Nestchen oder Stütze beim Sitzen verwenden.
Alles, was materiell darüber hinausgeht, ist weniger eine Frage des tatsächlichen Bedarfs als von eigenen Gewohnheiten oder äusserem Druck. Die gesellschaftlichen Erwartungen können hinterfragt und bewusst relativiert werden, der Fokus darf auf den tieferliegenden Bedürfnissen des Säuglings liegen: Nähe, Wärme und Geborgenheit.
Wenn die Kleinen grösser werden, scheint sich unweigerlich auch die Menge an Dingen im Familienhaushalt zu vergrössern. Kleider und Schuhe, Spielsachen und Bücher, Buntstifte und Bastelmaterial, Instrumente und elektronische Geräte, Souvenirs und aller möglicher Kleinkram: Es ist, als vermehrten sich die Dinge von selbst. Der Platz in Zimmern, Schubladen und Schränken bleibt jedoch begrenzt.
Sina, Mutter von Laurin (11) und Stella (9), erzählt: «Wir haben uns nicht aus Überzeugung oder ideologischen Gründen für den Minimalismus entschieden, sondern weil die Dinge in unserem Haushalt immer mehr wurden – und dies, obwohl wir stets konsumkritisch waren. Dieses scheinbar unkontrollierte Anwachsen unseres Besitzes hat mich zunehmend gestört und gestresst. Manchmal wünschte ich mir, ich könnte all die Sachen einfach wegzaubern.» So wie Sina ergeht es vielen – und kein Wunder: Während in unserer Gesellschaft das Anhäufen von Dingen «wie von selbst» passiert, ist das Entrümpeln und Aufräumen eine Challenge, die viel Bewusstheit, Zeit und Energie erfordert. Doch der Aufwand lohnt sich!
Natürlich brauchen kleine und grössere Kinder altersgerechte Kleidung, Schuhe, Spielsachen, Bücher und andere Materialien zum Entdecken und Lernen. Ein Kind soll durchaus auch Schneckenhäuser, Zeichnungen oder Figürchen sammeln und horten dürfen. Die Frage ist eher, was wirklich neu gekauft werden muss:
- Leihen statt kaufen: Nicht alles muss dauerhaft ins Kinderzimmer einziehen. Bücher, Spielsachen, Instrumente und Spezialausrüstung können ausgeliehen werden (Ludotheken, Bibliotheken). Kleider und Schuhe können innerhalb der Verwandtschaft oder im Freundeskreis weitervererbt werden.
- Weniger besitzen, mehr nutzen: Je mehr Dinge herumliegen, umso seltener werden die meisten von ihnen genutzt. Setzen Sie auf wenige, vielseitig einsetzbare Spielsachen wie Bausteine, Knete etc. Diese regen die Fantasie an und bieten endlose Spielmöglichkeiten. Tauschen Sie Spiel- und andere Sachen regelmässig aus, dann wird das Altbekannte plötzlich wieder spannend. Hilfreich ist auch die Regel «Eins rein, eins raus». Ein räumlich klar begrenzter Spielbereich verhindert das stetige Anhäufen von Dingen.
- Weniger kaufen, bewusster auswählen: Kaufen Sie wenn möglich second-hand oder setzen Sie auf langlebige, hochwertige und multifunktionale Sachen. Zu Geburtstagen und Weihnachten sind Wunschlisten sinnvoll, um die Menge und Art der geschenkten Dinge gezielt zu «kuratieren». Vermitteln Sie Verwandten und Freund*innen, dass auch Kleinigkeiten wie ein Badesalz oder einzelne Stifte grosse Freude bereiten. Toll sind auch gemeinsame Erlebnisse – ein Besuch im Zoo, im Kino oder im Wald.
- Aus Nichts etwas zaubern: «Not macht erfinderisch», lautet ein bekanntes Sprichwort. Wenn Kinder frei spielen und selbst Ideen entwickeln dürfen, statt vorgefertigten Spielanreizen zu folgen, wird ihre Kreativität angeregt. Der grösste Abenteuerspielplatz ist die Natur: Da werden Äste zu Zauberstäben, Steine zu Schätzen und Blätter zu Schiffen, die über Pfützen segeln.
- Gemeinsam entscheiden, gemeinsam loslassen: Beziehen Sie Ihr Kind altersgerecht in das Nachdenken über Behalten und Loslassen ein. Die meisten Kinder lieben es, über die grundlegenden Fragen des Lebens zu sinnieren. Wer mitentscheiden darf, lernt früh, was wirklich wichtig ist. Tipp: Beim Durchführen von kleinen Flohmärkten erfahren Kinder, dass Dinge einen Wert haben – und es auch Freude bereiten kann zu sehen, wie sie «weiterwandern» und ein zweites Leben erhalten.
Sina und ihr Partner Akin haben sich vor fünf Jahren auf das minimalistische Abenteuer eingelassen. Und sie haben es nie bereut. Im Gegenteil, Sina gerät ins Schwärmen, wenn sie erzählt, wie sich ihr Familienleben verändert hat, seit sie «den Fokus auf das Wesentliche» legten: «Wir haben gemerkt, dass unsere Kinder mit weniger Spielsachen genauso glücklich sind. Aber sie spielen mit mehr Fantasie.» Minimalismus im Familienalltag bedeutet für sie nicht Verzicht, sondern Freiheit: «Wir merken auch finanziell einen Unterschied. Weil wir nur selten etwas neu kaufen und auch bei Versicherungen und Verträgen genau überlegen, was sinnvoll ist, sparen wir Geld. Das gibt uns Freiraum für gemeinsame Erlebnisse.» Und Akin ergänzt: «Wir unternehmen mehr zusammen. Dies hat uns einander nähergebracht.»
Das ist für Kinder wichtig:
- Aufmerksamkeit, Interesse und Unterstützung: Kinder brauchen zuverlässige Bezugspersonen, die Zeit und Verständnis für sie haben.
- Klare Strukturen, Routinen und Grenzen: Ein Tagesablauf mit festen Essens-, Spiel- und Ruhezeiten sowie klaren Regeln und Grenzen bietet Kindern Orientierung und Halt.
- Zeit und Raum für freies Spielen und Lernen: Kinder lieben es, Neues zu entdecken, zu experimentieren und ohne Anleitung zu spielen.
Wer das minimalistische Experiment wagt, wird schnell feststellen, dass all die Dinge, die zuerst zu fehlen scheinen, gar nicht vermisst werden. Stattdessen wird Raum frei, um selbst etwas zu bauen oder basteln, zum Vorlesen, zusammen draussen sein und etwas unternehmen. Weniger Dinge heisst nicht weniger Liebe, sondern mehr Nähe und eine tiefere Verbindung – und genau das ist für Kinder das Wesentliche.
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