Intuitive Ernährung: Essen nach dem Bauchgefühl
In unserer hochtechnologisierten Zeit, geprägt von Uhren und Messgeräten, Computern und Smartphones, Tracking-Apps und anderen Tools zur Selbstvermessung, wird oft auch der Körper als Maschine gesehen, die möglichst effizient zu funktionieren hat. Entsprechend dieser Metapher werden Nahrungsmittel zu einer Art von Treibstoff, der für optimale Abläufe sorgt. Sicher ist es hilfreich, über die grundlegenden Nährstoffe und den allgemeinen Bedarf daran Bescheid zu wissen. Doch wenn wir uns dauernd an Diätplänen orientieren, Schritte und Kalorien zählen oder gar die eigene «Performance» mit Proteinshakes und anderen Nahrungsergänzungsmitteln optimieren wollen, geht die gefühlsmässige Beziehung zum eigenen Körper verloren. Intuitive Ernährung bzw. achtsames Essen (Mindful Eating) ist ein Gegentrend zum Selbstoptimierungshype. Ziel ist es, wieder ein Vertrauen in den eigenen Körper aufzubauen, ein entspanntes Verhältnis zum Essen zu entwickeln und sich entsprechend individueller Bedürfnisse zu ernähren – bewusst und mit Genuss.
«Der Körper ist ein Komplize und guter Freund und keine Maschine, die man befehligen kann.»
Giulia Enders, Ärztin und Autorin
Der Grundsatz des Mindful Eating lautet: Vergessen Sie alles, was Sie über Ernährung und Abnehmen zu wissen glauben – Ihr Körper sagt Ihnen, was Sie wirklich brauchen, um gesund zu sein und Ihr Wohlfühlgewicht zu halten. Davon ausgehend gelten vier einfache Prinzipien:
- Essen Sie nur, wenn Sie Hunger haben.
- Essen Sie nur das, worauf Sie Lust haben.
- Essen Sie nur das, was Sie vertragen.
- Essen Sie nur, bis Sie satt sind.
Mindful Eating heisst also, nach dem eigenen Bauchgefühl zu essen: wann, was und wie viel ich will. Das klingt bestechend einfach. Doch auch die intuitive Ernährung ist herausfordernd – besonders zu Beginn. Da Esswaren und Getränke heute überall und jederzeit im Überfluss verfügbar sind, darunter auch viele hochverarbeitete Lebensmittel, die unsere natürlichen Bedürfnisse und Sättigungsgefühle korrumpieren, spüren viele Menschen weder ihren Hunger noch, wann sie satt sind. Auch die Sache mit der Lust hat ihre Tücken: Darf ich bei der intuitiven Ernährung von früh bis spät Schokolade und Pizza essen? Falls Sie sich dies jetzt fragen, können Sie sich eine Gegenfrage stellen: Rät Ihnen wirklich Ihre Intuition zu Schokolade und Pizza?
Die wahren Signale des Körpers wahrzunehmen, geht nicht per Kopfentscheid, sondern ist ein Prozess, der Geduld und Achtsamkeit erfordert. In einem ersten Schritt gilt es, zum natürlichen Hungergefühl zurückzufinden. Vertreter*innen der intuitiven Ernährung sind überzeugt, dass sich das Bedürfnis nach natürlichen und gesunden Lebensmitteln mit der Zeit wieder einstellt, wenn grundsätzlich alles erlaubt ist. Um diese authentische Lust spüren und als Kompass verwenden zu können, ist es hilfreich, eine Zeitlang einen Bogen um hochverarbeitete Lebensmittel und speziell um Zuckerfallen und problematische Fette zu machen. Wichtig ist auch der Punkt mit der Verträglichkeit: Wir sollten nur das essen, was uns wirklich bekommt. Das ist individuell und muss entsprechend jede*r von uns selbst herausfinden.
«Es gibt keine Beweise für gesunde Ernährung. Ob Intervallfasten, Low Carb, Vegan, Paleo, Keto oder was auch immer: Keine Ernährungsform ist von der Studienlage her besser oder schlechter als die andere. Es kommt immer auf die individuelle Verträglichkeit an.»
Uwe Knop, Ernährungswissenschaftler (Quelle: SRF)
Das Konzept des intuitiven Essens wurde um 1990 von den Ernährungswissenschaftlerinnen Elyse Resch und Evelyn Tribole entwickelt – als Antwort auf die unzähligen Studien und Tipps zur gesunden Ernährung, die sich teilweise widersprechen und zu allgemeiner Orientierungslosigkeit führen, statt echte Ratgeber zu sein. Viele Menschen kämpfen zudem mit Übergewicht, sind ständig auf Diät und verbinden Essen mit Frust, Stress und schlechtem Gewissen.
Wer sich intuitiv ernähren und/oder achtsam abnehmen will, kommt nicht umhin, sich mit den eigenen Emotionen rund ums Thema zu befassen. Essen kann Genuss, Geborgenheit und Zufriedenheit vermitteln. Viele von uns essen jedoch auch, um schwierige Emotionen wie Stress, Einsamkeit, Frust, Leere, Langeweile oder Überforderung zu regulieren. Dies geschieht oft unbewusst und unabhängig von einem echten Hungergefühl. In hektischen Momenten greifen zudem viele zu Snacks und Fast Food. Sättigungssignale werden dabei übergangen, auch der Genuss tritt in den Hintergrund. Stattdessen stellen sich oftmals Schuldgefühle ein.
Beim Versuch abzunehmen kann dies besonders knifflig werden. Wenn Gelüste aufgrund von Diätvorgaben unterdrückt werden, melden sie sich über kurz oder lang umso stärker zurück. Ein dauerhaft entspannter Umgang mit dem Essen entsteht nicht durch Druck, sondern durch ein besseres Verständnis der eigenen körperlichen und emotionalen Bedürfnisse.
Achtsamkeit ist das A und O des intuitiven Essens. Dadurch gleicht Mindful Eating eher einer Lebensphilosophie als einer Ernährungslehre. Dies sollte Sie nicht davon abhalten, es einfach mal auszuprobieren. Orientieren Sie sich dabei wahlweise an den folgenden Tipps:
- Zu Beginn ist es hilfreich, sich über das eigene Essverhalten klarzuwerden. Sie können beispielsweise eine Woche lang ein Ernährungstagebuch führen und festhalten, was, wann und warum Sie essen und welche Gefühle dabei auftauchen (Vorlagen und Tipps).
- Achten Sie auf Ihre Gewohnheiten. Ein vorübergehender Verzicht auf bestimmte Lebensmittel (Snacks, Süssigkeiten, Fast Food) kann helfen, um Verhaltensmuster zu durchbrechen und die Geschmackssinne zu «resetten». Grundsätzlich sind aber alle Lebensmittel erlaubt. Finden Sie heraus, worauf Sie wirklich Lust haben, und geniessen Sie es – in bekömmlichem Mass und ohne schlechtes Gewissen.
- Lösen Sie sich wenn möglich von festen Essenszeiten und orientieren Sie sich an Ihrem Hungergefühl. Wenn ein Essensimpuls auftaucht, fragen Sie sich: Habe ich wirklich Hunger, oder sind da Gefühle wie Stress, Langeweile oder Frust? Falls letzteres: Was brauche ich jetzt wirklich und was kann ich tun, um mich besser zu fühlen?
- Essen Sie ohne Ablenkung. Nehmen Sie sich Zeit für das Zubereiten und das Geniessen der Mahlzeiten, fokussieren Sie auf die Farben, die Texturen und die Geschmäcker, essen Sie langsam und nehmen Sie bewusst wahr, wann Sie angenehm satt sind.
- Akzeptieren Sie Ihren Körper, wie er ist. Dieser letzte Tipp ist in gewisser Hinsicht der wichtigste. Denn Selbstakzeptanz bildet die Grundlage für Wohlbefinden, Achtsamkeit und einen liebevollen Umgang mit sich selbst – und damit auch für das intuitive Essen.
Ihre persönlichen ethischen Werte wie Bio-Qualität, Tierwohl oder Nachhaltigkeit dürfen Sie beim Mindful Eating selbstverständlich berücksichtigen. Auch sie sind Teil der Intuition und der eigenen Bedürfnisse rund ums Essen. (Weitere Tipps zum achtsamen Essen)
Sich selbst zu spüren, auf das Bauchgefühl zu vertrauen und das Essen entspannt zu geniessen: Darum geht es beim Mindful Eating. Zugleich ist intuitives Essen ein Weg, um mehr Achtsamkeit und einen liebevollen Umgang mit sich selbst zu üben. Das gelingt im Alltag nicht immer perfekt, aber um Perfektion geht es auch nicht: Der Weg der Selbstfürsorge ist das Ziel.
Jan Chozen Bays: Achtsam essen. Arbor, 2009.
Giulia Enders, 2025: Organisch. Ullstein, 2025.
Uwe Knop: Intuitiv essen. Aktiviere dein natürliches Schlankheitsprogramm. Riva Verlag, 2017.
Elyse Resch, Evelyn Tribole: Intuitiv essen. Schluss mit dem Diätwahn. Goldman, 2024.
Elyse Resch, Evelyn Tribole: 10 Principles of Intuitive Eating (online).
HINWEIS: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine professionelle Beratung. Da Ernährung ein sensibles Gesundheitsthema ist, empfehlen wir Personen mit Essstörungen, bestehenden Erkrankungen oder individuellen Unsicherheiten, sich an medizinische Fachpersonen oder qualifizierte Ernährungsberater*innen zu wenden.
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