Musik und Gesundheit: Wie wirken Klänge auf uns?
Musik begleitet Menschen überall auf der Welt in den verschiedensten Lebenssituationen. Oft nutzen wir sie, um Gefühle auszudrücken oder hervorzurufen. So singen Eltern ihre Kinder mit beruhigenden Wiegenliedern in den Schlaf, Verliebte bringen ihre starken Gefühle in Liebesliedern zum Ausdruck, und Trauernde finden in Klageliedern ein Ventil für ihren Schmerz. Kaum ein gesellschaftlicher Anlass kommt ohne Musik aus. Sie dient dabei der Unterhaltung, der Auflockerung und der Verbindung. Von Nationalhymnen über Kirchenlieder bis hin zu Fangesängen bei Sportanlässen: Musik schafft ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl.
Als fester Bestandteil menschlicher Kulturen prägt Musik unser Leben auf vielfältige Weise. Doch weshalb beeinflusst sie unsere Gefühle, unsere Gedanken und unsere körperliche Verfassung so stark? Dieser Beitrag erklärt, was in unserem Gehirn passiert, wenn wir Musik hören oder selbst musizieren, und wie sich Musik auf unsere Stimmung, unser Herz-Kreislauf-System und unseren gesamten Organismus auswirkt. Schliesslich erfahren Sie, wie sich Musik gezielt einsetzen lässt, um Stress zu reduzieren, Schmerzen zu lindern, sportliche Leistungen zu verbessern und einen erholsamen Schlaf zu fördern.
Das Thema Musik ist ein sehr weites Feld. Es reicht von der antiken Vorstellung einer (für uns nicht hörbaren) «Musik der Sphären» über Volksmusik, Klassik und Jazz bis zur heute allgegenwärtigen Berieselung in Supermärkten, Büros und anderen öffentlichen Räumen mit sogenannter «Fahrstuhlmusik». Auch die Geschichte der Musik reicht sehr weit zurück. Es wird angenommen, dass frühe musikalische Ausdrucksformen von Naturgeräuschen inspiriert waren und möglicherweise in der Nachahmung von Vogelgesängen bestanden. Getrommelt, geklatscht und getanzt haben Menschen vermutlich seit Urzeiten. Zu den ältesten archäologischen Funden gehören Flöten aus Tierknochen, die vor rund 40’000 Jahren gefertigt wurden.
In frühen Kulturen war Musik eng mit kultischen und rituellen Anlässen verbunden. Gesänge, Klänge und Tänze wurden eingesetzt, um Trancezustände zu erzeugen und Heilzeremonien zu begleiten. Seit dem 20. Jahrhundert – mit der Erfindung von Tonträgern, Abspielgeräten und elektronischen Instrumenten – wurde Musik zunehmend technisch reproduzierbar und damit zu einem Konsumgut der global vernetzten Musikindustrie. Inzwischen wird Musik auch von künstlicher Intelligenz komponiert, arrangiert und teilweise sogar «interpretiert». Ob auch diese Musik uns noch zu Tränen rühren kann?
- Menschen reagieren bereits im Mutterleib auf Melodien und Rhythmen.
- Unser Musikgeschmack formt sich in der Jugend und ändert sich im Lauf des Lebens oft wenig.
- Das menschliche Ohr kann etwa 20’000 verschiedene Tonhöhen unterscheiden.
- Das Hören von Musik aktiviert gleichzeitig mehrere Hirnareale in beiden Hemisphären.
- Musik wird in Supermärkten gezielt eingesetzt, um unser Kaufverhalten zu beeinflussen.
Wenn wir Musik hören, werden im Gehirn gleichzeitig erstaunlich viele Regionen aktiviert – weit mehr als bei vielen anderen Tätigkeiten. Das Gehirn verarbeitet dabei eine Vielzahl an Informationen: Tonhöhen, Tonfolgen und Rhythmen werden erfasst, als Melodien erkannt und in Muster eingeordnet. Diese akustischen Eindrücke werden innerhalb von Sekundenbruchteilen miteinander verglichen, ergänzt und bewertet. Neben dem Hörzentrum sind im Gehirn gleichzeitig auch Areale für Gefühle, Gedächtnis, Bewegung und Belohnung aktiv.
Musikhören regt insbesondere das limbische System an, das bei der Verarbeitung von Emotionen eine zentrale Rolle spielt. Deshalb kann uns ein Lied unmittelbar beruhigen, euphorisieren oder traurig stimmen. Musik beeinflusst auch den Herzschlag, die Atmung, die Muskelspannung und sogar den Hormonhaushalt: Schnelle Musik kann «Stresshormone» wie Adrenalin freisetzen und uns dadurch aufputschen. Ruhige Musik kann die Ausschüttung von «Glückshormonen» wie Endorphin anregen und dadurch entspannend, beglückend und schmerzlindernd wirken. Da Musik eng mit persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen verknüpft ist, kann dieselbe Musik bei verschiedenen Menschen sehr unterschiedliche Wirkungen entfalten.
Wenn wir selbst musizieren, wird das Gehirn übrigens besonders gefordert. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Verbindung zwischen rechter und linker Gehirnhälfte bei musizierenden Menschen oft stärker ausgeprägt ist. Gemeinsam zu musizieren oder zu singen fördert zudem auf wohltuende Weise Gefühle der Verbundenheit, Zugehörigkeit und Geborgenheit.
- Der Herzschlag kann sich automatisch an den Rhythmus von Musik anpassen.
- Musik kann das Schmerzempfinden reduzieren, etwa während medizinischen Eingriffen.
- Erinnerungen, die längst vergessen schienen, können durch Musik wieder aktiviert werden.
- Musik kann unsere Konzentration fördern, aber auch deutlich stören.
- Freies Singen kann sich positiv auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns auswirken.
Aufgrund der vielfältigen Auswirkungen auf Körper, Geist und Emotionen wird Musik auch therapeutisch eingesetzt, sowohl rezeptiv (durch Hören) als auch aktiv (durch eigenes Musizieren). Sie kommt etwa in der Schmerztherapie, in der Rehabilitation von Schlaganfall- und Alzheimerbetroffenen, bei autistischen Menschen, bei Personen mit Sprachstörungen sowie bei psychosomatischen Beschwerden zum Einsatz. Im Folgenden einige konkrete Anwendungen:
- Bei Stress: Beruhigende Musik kann über das autonome Nervensystem Stress reduzieren. Langsame Musik senkt den Puls, vertieft die Atmung und kann die Ausschüttung von Stresshormonen verringern. Deshalb wird Musik etwa zur Entspannung vor Operationen oder in der Psychotherapie eingesetzt: Mit einem sogenannten Soundbath («Klangbad») wird ein Klangraum aus Schwingungen und Tönen geschaffen, der Stress reduzieren und ein Gefühl von innerer Ruhe und Losgelöstheit fördern kann.
- Zum Einschlafen: Sanfte, gleichmässige Klänge wirken sich nicht nur bei Kindern, sondern auch bei Erwachsenen positiv auf den Schlaf aus. Sie können das Gedankenkreisen unterbrechen und Körper und Geist dabei unterstützen, in einen entspannten Zustand zu gleiten. Mit der Zeit kann das Gehirn lernen, bestimmte Melodien mit dem Einschlafen zu verknüpfen, sodass diese wie ein akustisches «Schlafmittel» eingesetzt werden können.
- Beim Sport: Musik hat einen direkten Einfluss auf das Herz, den Kreislauf und die Bewegung. Schnelle Musik kann den Puls erhöhen, langsame kann ihn senken. Da sich der Körper automatisch dem Rhythmus anpasst, erleben wir Musik als körperlich mitreissend und können sie gezielt nutzen, um unsere Bewegungen zu rhythmisieren, den Flow-Zustand zu unterstützen und die sportliche Leistung zu steigern.
Wir können die Kraft der Musik wunderbar nutzen, um uns zu entspannen oder auszupowern, Gefühle zu verarbeiten oder uns zu konzentrieren. Wer seine persönliche «Wirkungssprache» der Musik kennt, kann sie bewusst im Alltag einsetzen, um Körper und Geist positiv zu beeinflussen. Zugleich braucht es nicht immer Musik und Beschallung. Es ist auch wohltuend, der Stille zu lauschen – oder den Klängen der Natur: dem Plätschern eines Bachs, dem Gesang einer Amsel, dem Rauschen des Windes in den Bäumen.
3Sat, 2022 (Doku): Die Kraft der Klänge – Musik als Medizin
SRF Puls, 2002 (Doku): Musik als Therapie: Hilfe bei Parkinson, Demenz und Schlaganfall
ARD, 2022 (Doku): So fördert Musik Erinnerung und Gehirnentwicklung
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